LeonPaul Jose 2019 12 02

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wahrscheinlich nennen alle Menschen ihre Projekte gerne etwas „Besonders“. Doch ich glaube, beim Erasmus-Projekt ist diese Beschreibung wirklich passend!

In drei Jahren Projektzeit sind die Teilnehmer mehrmals nach Spanien und Ungarn gereist und haben Austauschschüler aus diesen Ländern aufgenommen. Über drei Jahre haben sich Freundschaften entwickelt. Nicht nur die deutschen Schüler sind ein eingespieltes Team geworden, auch feste Freundschaften ins Ausland haben sich gebildet. Drei Jahre Erasmus haben selbstgemachte Musik, Kleidung, Choreographien, Präsentationen, Reden, Artikel, Bücher und viele weitere Produkte hervorgebracht. Projektergebnisse wurden bei Radio Erft, im Ausland, im Haus der Geschichte in Kerpen und auf unzähligen Bühnen präsentiert. Doch nun hat die EU-Finanzierung des aktuellen Projektes leider ihr zeitliches Limit erreicht und es ist dadurch fertiggestellt.

Wird Erasmus dadurch zu einem vergessenen Kapitel unserer Schulgeschichte? Auf gar keinen Fall! Nicht nur viele positive Erinnerungen, sondern auch wichtige Lebenserfahrungen bleiben den Teilnehmern erhalten. Ich war ein Späteinsteiger in das Projekt und trotzdem sammelte ich durch Erasmus viele neue Eindrücke. Jedem Leser kann ich solche Austauschprogramme nur empfehlen.

Es ist 2018. Alle Schüler warteten schon auf den Pausengong, als plötzlich unsere Spanischlehrerin eine Ansprache hält: „Ihr kennt doch wahrscheinlich die Erasmus+ AG unter der Leitung von Frau Löwe-López? Die sucht nämlich noch Unterkünfte für Austauschschüler aus Gran Canaria. Vielleicht würde jemand von euch gerne einen Spanier aufnehmen?“ Ich meldete mich schnell dafür an und wurde angenommen. „Eigentlich könnte das interessant werden“, dachte ich mir. Und es wurde nicht nur interessant, sondern wirklich ein unvergessliches Erlebnis.

Eines Tages war mein Austauschschüler nun in Deutschland. Schnell bemerkte ich, was Erasmus förderte: Anpassungsfähigkeit. Manchmal braucht es Zeit bis man eine fremde Person zu einem Freund macht, aber nun stammt diese Person aus einem anderen Land, hat eine andere Muttersprache und Kultur. Mein Austauschschüler und ich fanden zum Glück schnell eine verbindende Gemeinsamkeit, nämlich unseren Humor. Wir zeigten uns am Tag seiner Ankunft gegenseitig Videos auf dem Handy. Anfangs auf Englisch, später auf Spanisch und Deutsch. Wir erklärten uns, was der Inhalt und Kontext des Memes oder Videos war und sprachen dadurch viele Teile der Jugendkultur unserer Länder an. Was anfangs bedeutungsloser Spaß war, entwickelte sich über den Abend zu einem Gespräch über die Gesellschaft, Musik und Witze des jeweils anderen Landes. Dabei brachten wir uns die Sprache des jeweils anderen Landes bei, welche wir beide in der Schule lernten. So unterschiedlich zwei Menschen nun leben, nur eine kleine Gemeinsamkeit, sei es Humor, ein Hobby oder Neugier, reicht manchmal aus, um Freunde zu werden. So kam es, dass ich in den Sommerferien zehn Tage bei meinem Austauschschüler in Gran Canaria verbrachte, diesmal nicht durch Erasmus, sondern privat organisiert.

Auch die anderen deutschen Schüler haben Freundschaften zu den Spaniern entwickelt. Ich würde sogar sagen, dass die Deutschen und Spanier eine Gruppenidentität gebildet haben. Wir trafen uns in unserer Freizeit sehr gerne und unternahmen gemeinsam mit den Spaniern etwas. Einmal gingen wir beispielsweise Schlittschuhlaufen und Essen. Durch gemeinsame Lieder, Insider und Erfahrungen gab es immer eine freundschaftliche Verbindung, nicht nur zwischen Deutschen und Spaniern, sondern auch innerhalb der deutschen Gruppe. Selbst ich, jemand der erst spät bei Erasmus eingestiegen ist, habe mich durch Lehrer und Schüler immer wohl und willkommen gefühlt. Dafür auf jeden Fall ein großes „Danke“ von mir. Umso besser fühlt man sich dann, mit dieser Gruppe zu reisen. Wenn du Dir schon einmal gedacht hast: „Im Urlaub will ich nicht nur an der Touristenmeile sein, sondern auch die Kultur des Landes kennenlernen“, dann kann ich dir ein Austauschprogramm sehr aus Herz legen.

Im Rahmen des Erasmusprojekts wurde ich eingeladen, nach Ungarn zu fliegen. Für mich der erste Austausch innerhalb von Erasmus, für andere Mitglieder bereits der vierte. Ich bin ein politisch interessierter Mensch und war sehr aufgeregt, dieses polarisierende Land durch ein soziales Projekt kennenzulernen. Wir beschäftigten uns intensiv mit Minderheiten in Ungarn. Schnell bemerkte ich, wie facettenreich Ungarn ist. Nicht nur die Roma sind seit Jahrhunderten Teil der ungarischen Gesellschaft, sondern auch Menschen aus Österreich, dem Balkan und Osteuropa. Das Land machte geschichtlich viele Umbrüche durch, änderte oft seine Verbündeten und hat seinen Platz in Europa immer noch nicht ganz gefunden. Ich konnte mit vielen Ungarn über ihre Ambitionen, sozialen Perspektiven und Weltansichten sprechen. Dadurch war ich in der Lage, die politische Neigung Ungarns besser zu verstehen (Meine genaues Verständnis habe ich in einem älteren Artikel beschrieben). Durch kein Medium hätte ich so einen persönlichen Einblick in das ungarische Gesellschaftsleben bekommen wie durch Erasmus.

Die Teilnahme an einem Austauschprogramm würde jedoch nicht nur dich freuen, sondern auch deinen zukünftigen Arbeitgeber. Hobbys und soziales Engagement sind mittlerweile entscheidende Kriterien bei jeder Bewerbungsmappe geworden. Bei Erasmus erhielt man neben dem typischen Zeugnisvermerk eine Teilnahmebescheinigung für jede Mobilität (Austausch), bei der man gereist ist. Dieser „Europass“ wird nicht von der Schule oder irgendeinem kleinen Gremium, sondern von der Europäischen Union selbst ausgestellt und beinhaltet eine eindrucksvolle, vier Seiten lange Liste deiner gesammelten Erfahrungen.

Was musste ich dafür machen? Reisen und mit neugewonnenen Freuden ein Projekt auf die Beine stellen. Mit Spaß und Arbeit habe ich meine Teilnahme an diesem bekannten Projekt auf einem eindrucksvollen Dokument bestätigt bekommen.

Als Fazit kann ich sagen: Das Erasmusprogramm hat mir sehr viele Lebenserfahrungen gebracht. Ich habe soziale und sprachliche Kompetenzen weiterentwickelt. Durch Erasmus habe ich mein Weltbild erweitert und einen genaueren Einblick in die Gesellschaft, aber auch die Politik anderer Länder erhalten. Für dieses soziale Engagement habe ich eine offizielle Anerkennung erhalten. Obwohl wir ständig bestimmten Projekten gearbeitet haben, blieb mir immer Zeit, um mit den spanischen, ungarischen und deutschen Schülern etwas zu unternehmen. Ich habe es nie bereut, mich an so einem Projekt beteiligt zu haben und würde es auf jeden Fall nochmal machen. Das ist übrigens auch möglich. Neben zahlreichen weiteren Austauschprogrammen wird aktuell ein Nachfolgeprojekt zu Erasmus durchgeführt, welches wieder ein gemeinsames Arbeiten in mehreren Ländern beinhaltet.

Solltest du dich informieren und dort teilnehmen: Du wirst die Zeit im Projekt auf jeden Fall genießen.

Leon Paul (Jgst.11)