Der Kerpener Integrationsrat: Tamer Kandemir, Dietmar Reimann, Natalie Salmon-Mücke, Peter Schittkowski (v.l.n.r.)
Der Integrationsrat in Kerpen ist eine wichtige und verdienstvolle Institution. Ihm gehören extra für den Integrationsrat gewählte Mitglieder sowie Stadtverordnete des Rates der Stadt Kerpen an. Am Freitag, 19.5.17, kamen vier Mitglieder des Integrationsrates in die Europaschule: Tamer Kandemir, der Vorsitzende, Natalie Salmon-Mücke (Bündnis90/Die Grünen), Dietmar Reimann (CDU) und Peter Schittkowski (FDP).
In einer neunten Klasse berichteten sie im Unterricht der Politiklehrerin Mebrat Ghebreslasie (im unteren Foto rechts vorne) über ihre Arbeit. Tamer Kandemir, türkischstämmig aber mit deutlich rheinischem Akzent, erklärte den Schüler/innen sehr anschaulich, was der Integrationsrat so alles unternimmt, um Zugewanderte, Flüchtlinge und Einheimische miteinander in Kontakt zu bringen. Es geht prinzipiell natürlich um den interkulturellen Dialog, um die Förderung von Toleranz und die Integration von Flüchtlingen. Dass Menschen aus anderen Kulturkreisen in Deutschland manchmal sehr praktische Hilfe benötigen, zeigte er am Thema Beerdigungen: In muslimischen Ländern müssen die Toten nach spätestens 24 Stunden beerdigt werden, der Körper soll nach Mekka ausgerichtet sein, Särge werden im muslimischen Ritus nicht benutzt. Der Integrationsrat hat hier mit dem Rat der Stadt Kerpen verhandelt, es gibt einen muslimischen Friedhof an der Humboldtstraße, die Mekka-Ausrichtung kann vorgenommen werden. Das NRW-Bestattungsgesetz verzichtet inzwischen auf den Sargzwang.
Natalie Salmon-Mücke vom Bündnis90/Die Grünen hielt anschließend ein Referat über die Struktur der Stadtverwaltung in Kerpen und betrat dabei bei den meisten Schüler/innen Neuland. Wichtig war ihr auf jeden Fall zu betonen, dass es viele verschiedene Möglichkeiten für Bürgerinnen und Bürger gibt, sich zu beteiligen.
Ein Video-Beitrag der ARD-Sendung Monitor zeigte, wie schwierig die rechtliche Situation für viele türkischstämmige Menschen in Deutschland lange Zeit war: Kinder türkischer Eltern, die sich rechtmäßig in Deutschland aufhalten, erwerben in der Regel per Geburtsrecht beide Staatsangehörigkeiten - und können diese auch behalten. So gibt es viele junge Türken, die sowohl die deutsche wie die türkische Staatsangehörigkeit besitzen. Bis 2014 musste man sich bis zum 23. Lebensjahr entscheiden, welchen der beiden Pässe man behalten will. Dass das zu Problemen führte, kann man sich leicht vorstellen. Behielt man den türkischen Pass, erntete man hier den Vorwurf, man sei nicht wirklich integriert. Gab man ihn zugunsten des deutschen Passes ab, sah man sich der Kritik ausgesetzt, man verrate seine Wurzeln. Dieses Verfahren wurde allerdings im Juli 2014 vom Deutschen Bundestag entschärft, so dass nun ein übergroßer Teil der Betroffenen beide Pässe behalten kann.
Am Ende der Veranstaltung organisierte Tamer Kandemir ein Rollenspiel: Ein Friedensmarsch zugunsten von Integration soll in einer erfundenen Stadt stattfinden. Manche Bürger sind dafür, manche nicht. Mit verteilten Rollen spielten die Schüler/innen die Diskussion durch - sehr spannend, sich in Akteure zu versetzen, deren Meinung man nicht unbedingt teilt!
Eine interessante Veranstaltung; ein großer Dank geht an den Integrationsrat und seinen Vorsitzenden, Tamer Kandemir!
Bernd Woidtke


